Geschichte

Zum Tod Eberhard Haufes

Carl Gustav Jochmann – Persönlichkeit und Weltanschauung

Vortrag, gehalten am 14.9.2018 in Tallinn bei einer Konferenz anlässlich des 60. Geburtstags von Jaan Undusk, Ehrenmitglied der Jochmann-Gesellschaft.

Ulrich Kronauer


Der 1789 in Pernau in Livland geborene und einige Jahre in Riga als Rechtskonsulent tätige Carl Gustav Jochmann wurde erst nach seinem Tod 1830 als kulturphilosophischer und zeitkritischer Autor erkennbar. 1836 veröffentlichte Heinrich Zschokke den ersten Band des insgesamt drei Bände umfassenden Nachlasses seines Freundes und nannte ihn etwas feierlich „Carl Gustav Jochmann’s, von Pernau, Reliquien“. Im Vorwort des ersten Bandes schreibt Zschokke:
„Bisher ist der deutschen, lesenden Welt Jochmann’s Name wenig genannt und bekannt worden. Denn mit nicht geringerer Ängstlichkeit, als wohl Andere einem schriftstellerischen Rufe nachjagen, floh ihn der Bescheidene, oder Lebenskluge; und vielleicht nicht ganz mit Unrecht. Wenn er sich bereden ließ, eine oder die andere seiner Arbeiten drucken zu lassen, mußte dabei immer die feste Geheimhaltung ihres Verfassers Hauptbedingung werden.“
Zschokke merkt an, dass Jochmann der anonyme Verfasser des Buchs „Über dieSprache“, der „Beiträge zur Geschichte des Protestantismus“, des Buchs „Die Hierarchie und ihre Bundesgenossen“ und der „Homöopathischen Briefe“ war. Zschokke gibt zwei mögliche Erklärungen dafür, dass Jochmann auf seiner Anonymität als Autor bestanden hat: seine Bescheidenheit und/oder seine Lebensklugheit. Diese beiden von Zschokke seinem Freund zugeschriebenen Eigenschaften sind noch etwas zu unbestimmt, um daraus das Bild seiner Persönlichkeit zu entwickeln. Was die Lebensklugheit betrifft, gibt Zschokke einen vorsichtigen Hinweis: Jochmanns Anonymität war nicht zuletzt begründet in der Gefahr, politisch verfolgt zu werden. Diese Befürchtung äußert Jochmann beispielsweise in einem Brief an Heinrich Remigius Sauerländer, den Verleger seines Buches über die „Hierarchie und ihre Bundesgenossen in Frankreich“:

„Die Nachrichten die Sie mir von Zeit zu Zeit über die Schicksale meines Buches mittheilen wollen, werde ich dankbar empfangen, und gelassen Sonnenschein und Regen über mich ergehen laßen, so lange mir nur nicht irgend ein literarischer Häscher mit seinem Springstocke meine liebe Nebelkappe vom Kopf schlägt“. Der Springstock war eine Waffe der amtlichen Verfolger, den sie den Fliehenden zwischen die Beine werfen konnten, um sie zu Fall zu bringen.
Jochmann war ein zeitkritischer Autor mit einer ausgeprägten Abneigung gegenüber Adel und Priestertum. Da er seine Kritik mit hoher stilistischer Kunst, aber in der Sache sehr engagiert und direkt vortrug, mussten seine Schriften im Zeitalter der Restauration bei Vielen Anstoß erregen. Der überaus Sensible glaubte nicht, den zu erwartenden Anfeindungen gewachsen zu sein. In einem seiner Briefe an Sauerländer spricht Jochmann von seiner „unglücklichen Reizbarkeit“ und seiner „nervenschwachen Liebe zu Unabhängigkeit“, die ihn dazu zwingen, in der Verborgenheit zu leben. Diese Selbstcharakterisierung weist auf eine gesteigerte Empfindlichkeit hin, wohl auch gegenüber gesellschaftlichen Missständen und Repressionen. Und mit der nervenschwachen Liebe zu Unabhängigkeit werden physisch/psychische Gründe dafür angedeutet, dass es für Jochmann unmöglich war, sich als Kritiker zu exponieren und damit in die Abhängigkeiten und Gefährdungen eines öffentlichen Autors zu geraten.
Heinrich Zschokke hat Carl Gustav Jochmann im Vorwort zu den „Reliquien“ als einen Mann „eben so edlen Geistes als Gemüthes, frei von der Herrschaft des Vorurtheils und der Leidenschaft“ charakterisiert, als eine souveräne, selbstsichere Persönlichkeit. Sowohl die Briefe an den Verleger Sauerländer wie auch ein Text aus dem Nachlass, den man als Selbstzeugnis Jochmanns lesen kann, lassen eine andere Seite seiner Persönlichkeit erkennen. Der Text aus dem Nachlass ist „Das Rätsel“ überschrieben und beschreibt eine elementare Verunsicherung des Autors. Vom Lebensrätsel der Menschheit und dem „Rätsel meines eignen Lebens“ ist die Rede. „Ich weiß nicht von wannen ich gekommen bin, wohin ich fahren soll, noch sogar wo ich bin?“ heißt es, in Anspielung auf einen berühmten Spruch, der, wohl fälschlich, Martinus von Biberach zugeschrieben wurde. Alles dünkt ihn „eine lange, ungeheure Phantasmagorie, in der nichts Wahres ist, als das Bewußseyn ihrer Unwahrheit“. Der Autor versteht die Welt nicht, obwohl er, wie er betont, über gesunden Menschenverstand verfügt. In einer längeren Textpassage wird er sehr konkret bei der Beschreibung des Irrsinns, der ihn umtreibt.. Er führt einen ganzen Katalog von Phänomenen an, die für ihn den „Wahn und irren Sinn“ der meisten Sterblichen belegen und die er sich nur als Produkte von „Vermuthungen, Vorurtheilen, Aberglauben und Träumereien“ erklären kann. Wie, fragt er, „wären die Menschen sonst je auf Götzenbilder und Heiligenbilder, Foltern und Todesstrafen, Stammbäume und Leibeigenschaften, Pyramiden und Klöster, Duelle und Meinungskriege, Bannstrahlen und Bücher-Censuren, Lotterien und Prophezeiungen, Vergötterungen und Verteufelungen u.s.w. verfallen?“ Hinter dieser Aufzählung erkennt man Programmpunkte der Aufklärung, die Missstände in der Religionsausübung und im Strafrecht beseitigen wollen, die sich gegen die Anmaßungen des Adels richten und gegen vielfältige Formen der Bevormundung und der Täuschung. In seinen Schriften kommt Jochmann immer wieder auf diese Missstände zurück.
In dem Text „Das Rätsel“ artikuliert sich aber weniger das Engagement eines Aufklärers als die Ohnmacht eines Menschen, der sich in einer Welt der Täuschungen nicht zurecht findet, der an dem „finstern Rätsel des Lebens und der Welt“ zu verzweifeln droht und ausruft: „Ich fühle mich ein Fremdling in dieser Welt, der gar nicht in sie hinein gehört“. Im letzten Absatz des Textes zeigt sich eine weitere Seite des Autors: seine Gläubigkeit, die sich trotz der beschriebenen elementaren Verunsicherung behauptet und die ihn davor bewahrt, endgültig in Verzweiflung zu verfallen. In dem Text „Das Rätsel“ versichert sich der Autor des ‚göttlichen Vernunftgesetzes’ in seinem Geist, das ihn die „heilige Tugend“, „das ewige Recht“, den Maßstab der Wahrheit“ erkennen lässt – trotz der Täuschungen, Spiegelfechtereien und Blendwerke, die ihn umfangen. Aber das Rätsel des Lebens wird dadurch nicht gelöst, sondern gerade durch den dem Menschen von Gott verliehenen Maßstab der Vernunft werden dem Autor „Leben und Welt zum Räthsel“. „Ich habe ein Maas und Gewicht empfangen, das sich auf Lebenserscheinungen fast nirgends anwenden läßt. Ich muß es, denk’ ich, für Welten empfangen haben, die ich noch nicht betreten habe“.
Georg Simmel hat in seinem zuerst 1906 erschienenen Essay „Kant und Goethe. Zur Geschichte der modernen Weltanschauung“ die „persönliche Wesensrichtung Goethes“ als „Träger seiner Weltanschauung“ herausgestellt. Eine glückliche Veranlagung und Entwicklung habe diesen zu „einem reinen Aufnehmen und Bilde der Natur“ geführt, zu einer Harmonie zwischen dem Wahrnehmenden und dem Wahrgenommenen, der Natur oder dem Dasein. Jochmann ist in gewisser Weise ein Gegenbild zu Goethe. Er ist ein überaus sensibler Mensch, den seine „Reizbarkeit“, wie er es nennt, die Disharmonie, die in der Welt geherrscht hat und gerade jetzt, im Zeitalter der Restauration, immer noch herrscht, besonders schmerzlich empfinden lässt. Dass er sich nicht völlig aus einer Welt zurückzieht, die ihm in dem dort herrschenden Irrsinn rätselhaft bleibt und Qual bereitet, dass er vielmehr gegen diesen Irrsinn, wenn auch anonym anschreibt, liegt daran, dass er an einen Fortschritt ‚trotz Allem’ glaubt. In dem Text „Das Rätsel“ hat er es so formuliert: „Die Menschheit schreitet langsam vorwärts, es ist wahr; aber es kostet ihr, wie jedem Einzelnen, unglaubliche Mühe, zum gesunden Menschenverstand zu gelangen“. Der gesunde Menschenverstand, eigentlich dem Menschen vorgegeben, muss erst mühsam erlangt oder wiedererlangt werden. Vielleicht gelingt dies erst in ferner Zukunft, in Welten, die die Menschen noch nicht betreten haben. In dem Text „Die drei politischen Schulen“, ebenfalls in den „Reliquien“ erschienen, schildert Jochmann ein Gespräch, das in Paris, im Kreis des Grafen von Schlabrendorf geführt wurde. Es geht um die politischen Schriftsteller, bei denen der Graf zwischen Idealisten und Materialisten unterscheidet. Jochmann führt in diesem Gespräch einen weiteren Schriftstellertyp ein, den er den politischen Skeptiker nennt und den er selbst favorisiert. Dieser Schriftsteller nehme die Wirklichkeit zum „nötigen Hausgebrauch“ an, weil sie ihm aber nicht gewährt, was er sucht, will er sie nicht als das Wahre, Bleibende akzeptieren. Er glaube deshalb an Perfektibilität, an ein unsichtbares Reich, und an das langsame Schreiten der Menschheit zu demselben, ohne Möglichkeit, es jemals zu erreichen“. Dieser Glaube, fährt er fort, erwecke „ein Streben nach Erhebung des Volks- und Staatenglücks, wie der Kirchenglaube, mit Beseitigung aller todten Werkheiligkeit und schwärmerischen Frömmelei, ein Streben nach Gott“. Carl Gustav Jochmann war ein politischer Skeptiker, der unter den politischen und kirchlichen Verhältnissen seiner Zeit gelitten hat, der sich mit diesen Verhältnissen nicht arrangieren konnte, weil er, wie Condorcet, Herder und andere, an die, wenn auch nicht unbegrenzte Vervollkommnungsmöglichkeit der Menschen glaubte, an ein Fortschreiten der Menschheit trotz aller Widerstände, Irrwege und Rückschritte.